Märchen

Odysseus - Homers vergessene Zeilen

 

Sage mir Muse, die Taten des tapferen Odysseus, der durch die Meere irrte und in vielen Ländern und fremden Städten die Sitten erlernte, Seestürmen und Meeresungeheuern trotzte, sich dem Willen der Götter beugte, um endlich nach der Flucht aus der brennenden Stadt Troja in sein Vaterland zurückzukehren.

 

Nicht unweit nach Aufbruch aus Troja schaukelte das Schiff des Odysseus über die sich brechenden Wellen. Die Mannschaft war voller Freude, den Flammen des Krieges entkommen zu sein, da sollte bald die nächste Herausforderung auf sie zu kommen. Odysseus, der dem Wein frönte, hatte schon von der Insel Vinotia gehört, auf der liebreizende Meerjungfrauen ihren Wein anpriesen und die Schiffsmänner mit ihrer Schönheit beglückten. Odysseus war wirklich nicht zu halten, wenn Wein in seiner Nähe war und aufgrund des plötzlichen Aufbruches konnte kein Wein auf dem Schiff gelagert werden.

 

Doch einen Tag bevor sie die Insel Vinotia passieren sollten, erschien in der Dämmerung eine Gestalt. Es handelte sich um Circe, eine Zauberin und Tochter des Sonnengottes Helios. Die Männer an Bord erschraken bei ihrer Ankunft, hörten ihr jedoch aufmerksam zu, als sie mit lauter Stimme sprach: " Ich warne euch, liebe Seemänner. Mein Vater Helios gab mir den Auftrag euch zu warnen. In weniger als einem Tag werdet ihr die Insel Vinotia erreichen. Die Sirenen werden versuchen euch mit ihrem Wein um den Verstand zu bringen! Doch ich bitte euch, lasst euch von dem Fusel, den sie euch präsentieren nicht beeindrucken, sonst werden sie euch in den Tod locken." Dann schwang Circe Ihren Umhang und darunter erschienen zauberhaft verpackte Weinboxen, in jeder Ausführung. Sie sahen spritzigen Weißwein, kräftigen Rotwein und sogar  Roséweine. Die Männer an Bord konnten ihren Augen nicht glauben. Circe sprach:" Mit diesen wundervollen und außerordentlich praktischen Weinen, werdet ihr den Weg an den Sirenen vorbei finden und dabei auch noch einen viel besseren Wein genießen, als den, den sie euch versuchen anzubieten. Seit in Acht und genießt den himmlischen Wein, mein Vater selbst, der Sonnengott, hat die Trauben unter seinem besonderen Sonnenstrahl wachsen lassen. Bis bald, Seemänner!" Mit diesen Worten verschwand Circe so schnell wie sie gekommen war. Odysseus und die anderen Seemänner blieben mit überraschter Miene zurück und stauten die praktischen Weinboxen griffbereit.

 

Am nächsten Tage, zur Mittagszeit, war es Odysseus, der die glänzenden Fischleiber der Sirenen zuerst entdeckte. " Seht, dort drüben, wie glitzern ihre Leiber im Sonnenlicht! Oh welche Schönheit beglückt mein Auge! Und der Wein, ich rieche ihn bis hierher! Ach wie sollen wir Ihnen bloß widerstehen!" Und tatsächlich am Ufer der Insel Vinotia tummelten sich die Sirenen, sie warfen ihre glänzenden Haare über die Schultern, eine Sirene begann die Harfe anzustimmen, die sich bei sich hatte. Und nun im Chor erklang lieblicher Gesang aus ihren Mündern, der sich mit dem vorzüglich riechenden Wein mischte und den Seemänner zu Kopf stieg:" Herz, der Liebe, Kommt, schenkt euch ein und wenn ihr süchtig werdet, liegt es daran, dass ihr verfällt uns'ren Charme. Ihr müsst verzeihen..." Die Seemänner hingen mit ihren Augen an den jungen Meerjungfrauen, bis Odysseus sich losriss und ihm die Weinboxen, die Circe ihnen gebracht hatte, ins Auge fielen. Mit schnellen Fingern öffnete er den Zapfhahn und ließ Wein in einen Becher aus Stein fallen. Ein wunderbarer und kräftiger Weingeruch verbreitete sich auf dem Schiff. Die übrigen Seemänner wandten sich Odysseus zu und wollten alle den köstlichen Wein probieren. Odysseus selbst kostete jedoch den ersten Schluck:" Wunderbar!" , rief er und alle Seemänner lachten und freuten sich und leerten einige Weinboxen voller Genuss. Die Sirenen auf der Insel schienen vergessen, der Geruch ihres Weines konnte nicht mit dem aus der Weinboxen mithalten. Sie zogen sich langsam und gekränkt zurück.

 

Einige Seemänner riefen laut:" Odysseus ist, wenn er Wein hört nicht zu bremsen. Zum Glück hat uns Circe vor dem Fusel der Sirenen gewarnt und uns reichlich von ihren zauberhaft verpackten Weinen mitgegeben!" Die Mannschaft hatte sich vor den Sirenen gerettet und erlebte noch viele Abende, bei denen sie die herrlichen Weinboxen genossen.